Vincent, „Herbst des Lebens - vom Sterben und Ernten“, so der Titel unseres Herbstkonzerts. Wie passen denn Kirschblüten (Sakura) in ein Herbstkonzert?
Die japanische Vorstellung des Vergehens der Frühlingsblüte passt gut in die Auffassung unseres Kulturkreises, die wir mit dem Herbst als dem Beginn des Endes eines Jahres verstehen. Es ist stimmungsmäßig passend, inhaltlich aber ein Kontrapunkt.
Wie es denn überhaupt zu der Idee dieses Herbstkonzerts gekommen?
Ausgangspunkt waren die Arbeiten, die im Auftrag der BL von Professor Heinrich Poos komponiert wurden. Diese zwei Stücke bildeten das Grundgestell. Schnell wurde klar: In ein ganz „normales“ Konzert passen die nicht hinein. Also kombinierte ich sie mit anderen Stücken zu einem eigenen Konzept. Über den „Blumengarten“ sagte Herr Poos ja bei seinem Besuch in unserer Probe, es sei vielleicht seine letzte Komposition. Da drängte sich die Verbindung Herbst – Lebensherbst geradezu auf. Ein Komponist schließt vielleicht bewusst mit dem „Blumengarten“ einen Teil seiner Arbeit ab und reflektiert so auch sein Werk.
Vincent, viele Sänger befürchten, wir könnten unser Publikum vielleicht mit einem solchen Konzert verschrecken. Wie siehst du die Situation?
Viele Stücke sind doch auch sehr eingängig. Es geht eigentlich nicht um „schwere Kost“, sondern es handelt sich um ein vielseitiges Konzert. Ich sehe es so, dass Musik auch eine Chance ist, etwas neu zu verstehen. Im besten Fall soll sie nicht nur zerstreuen oder unterhalten. Das Thema und die Texte berühren uns auf besondere Weise, sie gehen ins Innere. Und für die Darstellung solcher Texte empfinde ich zeitgenössische Musik sogar besser geeignet als klassische, denn die Musik bricht mit den alltäglichen Hörgewohnheiten und ermöglicht ein Reflektieren über die Themen. Da zeitgenössische Musik anders empfunden wird als klassische Musik, führt dies zu einem anderen Hören und somit zu einer anderen Wahrnehmung der Texte und der Themen. Darüber hinaus sind die Kompositionen trotz ihrer modernen Klangsprache eingängig, einige sogar mitreißend.
Nun gut, das mag wohl für die meisten Stücke gelten. Aber die „Zeitenstille“ ist doch sehr ungewöhnlich und erschließt sich mir nicht unbedingt auf den ersten Moment. Wie passt dieses Stück in das Konzert?
Dieses Stück hat für mich einen besonderen Reiz, denn immerhin war es ein Auftragswerk des AZO. Leider hat das Oktett das Stück nie bis zur Aufführungsreife einstudieren können.
Aber abgesehen davon - so ungewöhnlich finde ich die Musik eigentlich nicht. Würde man die „Zeitenstille“ als Streichquartett hören, so hätte man kaum noch den Eindruck von moderner Musik. Ungewohnt ist allerdings, dass eine reine Fantasiesprache benutzt wird. Auch wenn sprachlich kein Inhalt transportiert wird, so ist dieser fühl- und hörbar. Statt Worten versinnbildlichen Sprachgesten oder Laute hier Dinge und Ausdrücke, deren meditativer Charakter gut zum Thema des Konzertes passt. Es ist faszinierend, wie der Komponist die Klänge der Musik und der Sprache miteinander kombiniert und als Ausdrucksmittel nutzt.
Es gibt aber nicht nur Bedenken zur Musik, sondern auch zum Thema „Sterben“.
Ich würde das Thema des Konzertes nicht auf ein einziges Wort reduzieren. Der Tod kommt ja nur in zwei Stücken vor, und in dem einen davon sogar sehr humorvoll.
Inhaltlich geht es bei diesem Herbstkonzert um eine Metapher, eine Übertragung von dem, was in dieser Jahreszeit in der Natur geschieht, auf eine Lebenssituation, in der sich viele Mitglieder unseres Chores zurzeit befinden. Da ist zwar das Sterben ein Teil davon, aber wohl nicht der wichtigste. Der Herbst ist ja nicht nur ein Ende, sondern auch ein Ergebnis. Ich weise noch einmal auf den „Blumengarten“ hin, in dem musikalisch Bilanz gezogen wird. Das passt auch zu einem Chor, in dem Alter und Bilanz eines Lebens nicht unwesentlicher Teil sind. Wir sollten die Diskussion nicht als abschreckend und dadurch als erschreckend auffassen, sondern als positive Betrachtung dessen, was wir persönlich erreicht haben. Dies kann auch eine persönliche und durchaus religiöse Betrachtung sein.
Und dazu kommt noch der Gedanke von Ernte, etwas fertig machen, es beenden. Neben den melancholischen Momenten des Herbstes ist es doch auch immer eine Zeit der Feiern und Feste. Erntedank, als ein besonders fröhlicher Ausdruck dieses Moments, ist ein Teil unserer Chortradition, die wir ja alle gern pflegen.
Mit dem „Sterblied“ habe ich dennoch meine Probleme. Ich empfinde es als depressiv. Dies ist auch eigenen Erfahrungen mit depressiven Menschen geschuldet.
Das kann ich nachvollziehen, aber meine Sicht ist eine andere. Gerade im „Sterblied“ wird doch der Tod als eine Erlösung und Teil des Lebens dargestellt. Man kann den Text aber besser verstehen, wenn man ihn im zeitlichen Kontext sieht. Anton Ulrich schrieb das Gedicht 1667 als junger Mann mit Mitte dreißig und hatte noch fast 50 Jahre seines Lebens vor sich. Dass wir es hier mit einem depressiven Menschen zu tun haben, kann ich mir nicht vorstellen. Die Barockzeit hatte ohnehin ein anderes Verhältnis zum Sterben. Viele Bach-Kantaten zeugen von einer ähnlichen Sichtweise. Wenn es z.B. in einer Arie heißt „Endlich wird mein Joch wieder von mir weichen müssen“, dann ist mit dem Joch nichts anderes als das Leben gemeint. Und den Text des Schlusschorals dieser Kantate kennen wir spätestens seit dieser zum Buchtitel wurde: „Komm, o Tod, du Schlafes Bruder“ – wie gesagt, es war eine andere Zeit.
Aber auch wenn wir diese extreme Sicht heute vielleicht nicht mehr nachvollziehen können, so hat doch der Tod als Erlösung seine Rolle noch nicht verloren. Man denke an die Diskussionen über würdiges Sterben und Sterbehilfe. Oder auch an eigene Erfahrungen, auch in unserem Chor. Der Tod kann befreiend sein. Er ist auch ein Zeichen, das Leben zu lieben und zu leben.
Welches sind die wesentlichen Effekte für den Chor?
Das, was wir seit einigen Wochen tun, hat aus meiner Sicht einen immensen Lerneffekt. Sich mit dieser Musik zu beschäftigen, bedeutet auch für uns Sänger, sich auf neue Wege zu begeben. Fremde Klänge und Akkorde zu gestalten schult unsere Hörgewohnheiten sehr effektiv. Hinzu kommen ungewohnte Rhythmen, die uns teilweise reichlich fordern. Sicherlich ist es gewagt, für einen Chor wie den unseren, ein ganzes Konzert mit diesen Stücken zu bestreiten. Es wäre einfacher, weniger zu machen. Aber es ist eben auch eine Herausforderung, dies so zu tun. Und ambitionierte Sänger werden wir nie dazu gewinnen, wenn wir nur „alte Meister“ singen. Es ist eben auch ein Argument im Werben um zukünftige Sänger.
Warum sollte man sich dieses Konzert als Hörer nicht entgehen lassen?
Weil es ein – im Wortsinn – einmaliges Konzert wird: Drei Stücke sind Welt-Uraufführungen, die hat zuvor noch niemand gehört! Manche Stücke werden wir vielleicht nie wieder singen. Und man kann diese Musik nicht auf CD erleben – nicht nur weil es die Musik nicht auf CD gibt, sondern auch weil manche Stücke nur im Konzert ihre Wirkung erzielen. Wer außerdem mit offenen Ohren hingeht, kann sich von der Schönheit der Musik mitnehmen lassen. Dann wird man aus dem Konzert gehen und wird feststellen, man hat neben der Musik auch noch etwas für sich selbst mitgenommen. Das ist doch sehr viel für ein Konzert.
Das Gespräch mit Vincent Jaufmann führten Thomas Reiche und Till Bartel