Was war das emotional! Nach den Konzerten. Alle geradezu aufgepeitscht. Die Japaner emotional wie man sie sonst nicht erlebt. Es gab so viel zu besprechen. Die Worte, die man offiziell fand, genau wie die Worte, die man auf einer kleineren Ebene fand. Herr Masumitsu Miyamoto, Dirigent des Yokohamer Männerchores, sagte es in der Probe sehr treffend: „.. Wir haben eine gemeinsame Sprache, die Sprache der Musik. ..“
Es gab die verschiedensten Themen, aber immer wieder Musik und das Gespräch über Musik. Ich darf aber auch von den Buffets schwärmen. Das war wirklich erste Klasse! So viel, so gut und wehe man hatte mal einen leeren Teller. Eine nette Japanerin oder ein netter Japaner fragte sofort besorgt, was man denn noch suchen würde und empfahl einem etwas.
Beim Thema Essen eine kleine Geschichte: Die Essen waren in Japanisch und Englisch beschriftet. Ein Essen nannte sich Jellyfish-Salat. Ich habe nachgefragt, es handelte sich wirklich um das was draufstand. Nicht jeder konnte mit Jellyfish etwas anfangen. Ich habe es gern allen erklärt, die ich finden konnte und nicht jeder wirkte danach 100% begeistert: Jellyfish ist Qualle. Die Qualle wird getrocknet und in streifen geschnitten, dann eingelegt und mit Seetang und anderen Gemüsen gemischt. – Mir hat er geschmeckt.
Ich habe hier in Berlin natürlich auch anderen berichtet und konnte berichten, dass die Japaner bei den Feiern überzogen hätten. Ich erntete immer ungläubiges Kopfschütteln. Sie haben es aber getan.
Noch etwas ganz besonderes: Am Ende standen alle, die Arme um die Schultern gelegt und sangen zum Abschied, manches Auge mit einer Freudenträne gefüllt. Die Japaner haben es wirklich getan, sie haben uns nicht nur die Hände gegeben, nein, sie haben uns wirklich in den Arm genommen. Ich weiß nicht, ob jeder begreift, wie ungewöhnlich dies in einer Gesellschaft ist, wo Berührungen für die Familie und engste Freunde vorbehalten sind und auch noch in einer so großen Gruppe! Das ist eine besondere Geste, eine, die man als Auszeichnung und als Anerkennung wirklich höchster Freundschaft rechnen kann, nein muss!
Um ein Beispiel zu geben, was so gesprochen wurde und wie die Leute reagiert haben möchte ich drei kurze Beispiele geben, die ich persönlich erlebt habe. Ich weiß, dass sie nicht typisch sind, aber auch nicht untypisch:
Auf der Party in Yokohama kam ein älterer Japaner auf mich zu und sagte in sehr tiefer Stimme(ich übersetze, er sprach englisch): „Ich kenne sie, sie sind Mr. Reiche, sie schreiben für den Merker. Ich habe gelesen, was sie über das politische System und die Geschichte Japans geschrieben haben. Ich habe es alles gelesen, sehr genau.“ Dann drehte er sich um und lies mich stehen. Ich habe nicht damit gerechnet, dass man auch in Japan lesen würde, was ich hier schreibe und meine Kritik war nicht böse gemeint gewesen, aber leider haben sie mindestens einen verärgert. Das wollte ich nicht, es war nie meine Absicht die innere Harmonie von irgendeinem Menschen zu stören.
In Tokio passierte etwas vergleichbares, aber unter anderem Vorzeichen: Ein Sänger der TLT kam auf mich zu und sagte, dass er und viele andere den Merker lesen würde, sie würden ihn übersetzt bekommen und er würde meine Beiträge gern lesen und es hätte ihm gefallen, was andere und ich über Japan geschrieben haben. So unterschiedlich können die Bewertungen sein.
Eine weitere Begebenheit fand in der deutschen Botschaft statt: Ich hatte mit einem Sänger in Yokohama das Heft von 1980 durchgesehen und dabei auch Bilder gefunden auf denen mein Onkel Hans Schuster und mein Vater zu sehen waren. An meinen Vater erinnerte er sich, weil er damals eine japanische Polizeimütze geschenkt bekommen hatte (wir haben sie immer noch und halten sie in Ehren). Er fragte mich nach beiden und ich sagte ihm, dass sie leider inzwischen verstorben waren. In der Botschaft kam er nun auf mich zu. Er hatte einen Sakebecher und eine kleine Flasche mit Sake dabei. Er sagte ganz schlicht, er würde gern einen Schluck auf meinen Onkel und einen auf meinen Vater mit mir trinken und an sie denken. Natürlich haben wir das getan. – Für mich ein ganz besonders emotionaler Moment, für den ich dankbar bin.
Ich hatte den Eindruck, dass es vielen so ging wie mir. Es gab sehr persönliche Momente, Momente, die die Verbindung zwischen den Chören als Ganzes demonstrierten, aber eben auch sehr persönliche Momente.
Ich muss auch sagen, sehr schön waren die Geschenke, die wir bekommen haben. Ob es die gemeinsamen waren oder auch die persönlichen, sie zeugten von Gedanken, die sich unsere Gastgeber gemacht haben. Auch dafür noch einmal Dank an unsere Gastgeber, auch auf diesem Weg und sowohl persönlich als auch allgemein.