Erster Tag
Anreise und Wettbewerb –
Der Weg ist das Ziel
Pünktlich stehe ich vor der Urbanstraße 21 und begrüße alle Freunde, die schon da sind. Die Stimmung ist trotz früher Stunde gut und eine positive Anspannung herrscht bei allen. Unser Bus kommt, ein sehr neuer Mercedes Benz, silbergrau mit netter Überraschung: Einer jungen (und hübschen) Busfahrerin, Katrin Schochart, 24 Jahre jung. atrin packt beim Verladen ordentlich zu, und so können wir wie geplant auf die Reise gehen, der erste Schritt ist gemacht und eine jede Reise beginnt bekanntlich mit einem ersten Schritt. Am ersten Zusteigehaltepunkt, dem Steglitzer
Kreisel, wären beinahe schon die ersten Verluste aufgetreten, wurde doch übersehen, dass Till Bartelt nicht in den Bus zurückgekehrt war, nachdem er aufgebrochen war, um sich ein Frühstück zu besorgen. Ein nicht genannter aufmerksamer Mitreisender verhinderte den Verlust. Nächstes Hindernis, der letzte Aufnahmepunkt, eingerichtet für unseren Kammersänger Claus Bock. Wir werden von einer nur bedingt freundlichen Polizeipatrouille kontrolliert. Es ist alles in Ordnung und damit kann die wilde Fahrt beginnen. Diese ist zwar zügig, aber entspannt. Unsere Fahrerin, im Folgenden dann nur noch Katrin genannt, fährt ohne Stress. Zwei Pausen reichen, um keine Probleme mit den Lenkzeiten zu haben.
Bremen und das Hotel Deutsche Eiche werden bei strahlendem Wetter erreicht. In der Einfahrt steht Volker Transchel, der individuell anreiste, und winkt uns fröhlich zu. Wir sind jetzt komplett.
Zimmerschlüssel aushändigen, kurz erfrischen, in die Konzertkleidung und runter in den Speisesaal. - Ich bin der erste, der komplett im neuen Konzertdress auftaucht und darf deshalb als Modell arbeiten und allen mitgereisten Fans diesen Look präsentieren. Nach dem Essen geht es für uns Sänger in eine intensive Probe. Es treten an bekannten Stellen Probleme auf,aber es wird hart gearbeitet. Dann wird der Fortschritt spürbar. Ein letzter Durchlauf und noch mal Hinweise unseres Dirigenten, Vincent Jaufmann. Sind wir bereit? Wir sind bereit!
Oder auch nicht: Auftritt nach kurzer Fahrt in der Bremer Liebfrauenkirche (etwa 1230 begonnen, frühgotisch mit westfälischer Halle). Wir haben ein Problem im ersten Lied (Minnesänger).
Ausgerechnet in den Tenören, sonst so zuverlässig, schleicht sich ein Fehler ein. Der zieht die Bässe auch in die falsche Richtung. Sie wehren sich, aber das erste Drittel ist eben daneben. Mit dem Wechsel im Mittelstück der Minnesänger fassen wir wieder Fuß. Die Tenöre haben ihre gewohnte Sicherheit, die Bässe machen ihre Arbeit, aber wir haben nun ein Problem mit dem Raum. Wir füllen ihn nicht so mit Ton, wie wir es schon an anderer Stelle getan haben. Wir ziehen uns achtbar aus der Affäre. Aber eigentlich wollten wir mehr. Das Publikum liebt unseren Käfer und seine Blume und der Reger, gesellt sich wirklich lieblich zu allen.
Nach dem Auftritt Manöverkritik mit unseren Experten im Publikum: Till, Matthias, beide wegen beruflicher Zwänge im Probenrückstand und Claus Bock beschreiben uns ihreEindrücke. Es wird deutlich, es war ein ordentlicher Auftritt, aber wir waren schon weiter. Was lief nur falsch? Ich denke, es klingt vielleicht nach dem großen Entschuldigungsmarathon, aber die Gründe sind vielfältig: Wir hätten eben doch früher anreisen müssen, die Stunden auf der Autobahn stecken halt doch in den Knochen. Wir hätten den Raum vorher kennenlernen müssen. Sonst machen wir
das ja auch. Wir sind auch keiner der Wettbewerbschöre, die von einem Wettbewerb zum anderen ziehen und sonst nichts machen, wir sind doch recht unbedarft rangegangen.
Einige gehen wieder in den Saal und beobachten unsere Mitbewerber um die ausgelobten Preise. Ich gehe mit Till und Matthias auf Erkundung und schnell schließt sich uns Katrin an.
Ich habe mich später geärgert, warum ich nicht zurück in den Saal bin, aber es steckte ziemlicher Frust in mir. Ich hatte, wie erstaunlicher Weise auch andere, mehr gewollt. Dass sich dann auch noch die Damen am Eingang zum Saal etwas komisch hatten, hat bei mir eine Trotzreaktion erzeugt und ich wollte weg. Hätte ich nie gedacht, dass für mich das Singen so ernst werden könnte.
Wir haben die Weser erkundet und sind in einem Strandlokal gelandet, wo wir uns erfrischten. Der Frust geht und die Endorphine gewinnen die Oberhand. Zurück zum Marktplatz (die Stirn des Markplatzes wird vom Rathaus 1405-12 gebildet, das 1608-1612 eine prachtvolle Renaissance-Fassade erhielt; hierReichsfreiheit der Stadt ist). Hier treffen wir auf Gerhard Struck. Till begrüßt ihn mit einem lauten: „Ist das nicht der berühmte Gerhard Struck? Da will ich ein Autogramm!“ Matthias und ich stimmen ein und bekräftigen, dass er es eindeutig ist und wir ihm zumindest die Hand
schütteln wollen. Gerhard ist nur einen Moment perplex, dann genießt er das Spiel und reicht uns huldvoll die Hand, bevor er sich sein Bierchen oder Wasser an einem Stand besorgt. Eine junge Frau beobachtet die Szene mit gerunzelter Stirn (das Folgende wurde dem Struck´schen Bericht entnommen): Sie spricht ihn an und sagt: „Es tut mir leid, aber ich kenne sie nicht. Sind sie böse, wenn ich kein Autogramm von ihnen will?“ Gerhard: „Nein, wissen sie es ist richtig angenehm, auch mal wie ein gewöhnlicher Mensch behandelt zu werden.“ (Ist er nicht bescheiden?)
Abgesehen von dem lustigen Erlebnis gibt es hier auch das richtige Chortreffen-Feeling (Neudeutsch für Gefühl und Empfindung). Mit ein paar jungen Mädchen singt eine Gruppe in der auch Jörg Kramer, Gerhard Blod und einigen andere (z.B. ich) mitsingen, den Chorfest-Kanon.
Wieder mit einer anderen Gruppe und einem anderen Chor wird das Morgenrot gesungen. Ich singe auch die Ehre Gottes aus der Natur mit einer Gruppe. Das ist jetzt wirklich Chortreffen.
Man trinkt Wasser, Säfte, Wein und Bier, man singt, man lauscht anderen, man quatscht mit vielen Menschen, auch Bremern, die einfach da hineingeraten. Hanseatische Zurückhaltung? Ich
erlebe nur fröhliche Menschen, die offen sind, egal wo sie herkommen! Bremen gewinnt unsere Herzen. Es ist ein hübsches, niedliches Städtchen, etwa so groß wie Spandau. Rund eine halbe Million
Menschen leben hier und die Stadt hatte Marktprivilegien, als Berlin noch nicht erwähnt wurde. Sie gehörte der mächtigen Hanse an, wie Berlin auch, aber Berlin wurde Sitz der brandenburgischen Regierung, später preußische Hauptstadt und das war’s mit Hanse. Hat uns nicht geschadet, wir sind eben so geworden und Bremen anders. Anders, aber nett.
Radfahrer, die sich bedanken und die Rotphasen einhalten. Gothics (das sind die Kinder in Schwarz mit bleicher Haut und vielen Ringen im Gesicht) aus Bremen sind gegen die Berliner viel brauner, wie frisch von der Sonnenbank. Es ist wahr!! Die Masse scheint es aber zu genießen, so viel Trubel hier zu haben. Auch das von uns mitgebrachte Wetter (prima oder wie wir Berliner sagen: Da kann man nicht meckern) hebt die allgemeine Stimmung. Im Dom (Ursprünge im 8. Jahrhundert, sein Aussehen erhielt er ab 1042 romanisch, frühgotische Elemente; im 13. Jahrhundert größere Umbauten an der Westfassade und Einwölbungen, das spätgotische nördliche Seitenschiff wurde dann 1502 begonnen) lauschen wir ab 20:00 Uhr dem Eröffnungskonzert, „Ein deutsches Requiem“
von Johannes Brahms. Wie von Claus Bock versprochen dauert es genau 5 Viertelstunden.
Die Solisten sind hervorragend. Wir lassen es einfach auf uns wirken.
Jetzt müssen die Mitreisenden eingefangen werden, wir fahren vom Hilton zurück, der ursprüngliche Platz hat sich als zu kompliziert für den Bus erwiesen (die Straßen sind für den Doppelachser zu eng). Alles klappt, nur Wolfgang Wiemer und Bert Miller sindverschwunden. Sie sind mit der Straßenbahn zum Hotel zurück gefahren, wie sie ungefähr 41 Mal erzählen müssen. Auf jeden Fall erreichen alle die Heimatbasis, wo wir den Abend in geselliger Runde mit viel Gesang und einigen geistigen Getränken beenden. Es wird auch eifrig diskutiert, wie wir waren, was man hätte besser machen können. wie wir die Zukunft der Liedertafel sichern, wie wir neue Sänger und Freunde gewinnen können… Ich habe mit einigen ausführliche Gespräche und lerne sie immer noch ein bisschen besser kennen und das geht wohl anderen auch so. Inzwischen sind wir alle euphorisiert. Die Stimmung steigt und Katrin fühlt sich sichtlich wohl bei uns. Es wird schon wieder ein
kühlender Morgen, als die letzten erschöpft, aber glücklich ins Bett sinken.
Erkenntnis des Ersten Tages: Wir sind ehrgeizig! Wir können feiern und haben schnell Kontakt zu andern. Das Wetter spielt mit, wir sind glücklich, es gibt kein Gesicht, das nicht ein tiefes strahlendes Lächeln ziert. Der Weg ist unser Ziel!
Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Berliner Liedertafel« (13. Oktober 2009, 21:35)